Sport

Corona und die Folgen für den Sport: „Todesursache Bewegungsmangel“ – SWR Sport


Die zunehmende Digitalisierung und Corona führen zu Langzeitfolgen – davor warnen Wissenschaftler schon länger. Nun beklagt der DOSB den Verlust von 800.000 Vereinsmitgliedern. Der Tübinger Sportwissenschaftler Prof. Ansgar Thiel sieht eine riesengroße Lawine an Problemen auf die Gesellschaft zurollen, hat aber auch Lösungsvorschläge.

Die Schlagzeile „Todesursache Bewegungsmangel“ klang erschreckend. Im Januar 2021 schrieb Dr. Lucas Pawlik in der österreichischen Zeitschrift „Pädiatrie und Pädologie“ über die „ignorierte Pandemie des digitalen Lebens, der Arbeit und der Bildung“. Schon 2008 sei demnach bei 5,3 Millionen Todesfällen „der Mangel an physischer Aktivität“ die Hauptursache gewesen. Auch deshalb legte die Weltgesundheitsorganisation WHO 2018 einen globalen Aktionsplan gegen Bewegungsmangel vor. Das Ziel: Menschen in Bewegung bringen und die Inaktivität bis 2030 um 15% weltweit zu reduzieren. Aber wie? Diese Frage stellt sich Prof. Ansgar Thiel, Leiter des Sportinstituts an der Universität Tübingen, er hat aber auch Antworten.

Vereine leiden unter Mitgliederschwund

Corona habe als Beschleuniger der Bewegungsmangel-Epidemie gewirkt, sagt Thiel. Dass die Vereine im vergangenen Jahr 800.000 Mitglieder verloren haben, überrascht ihn nicht, „weil Sport gar nicht als grundsätzlich notwendige Sache diskutiert wurde, um Menschen zusammenzubringen“. Diese Ausblendung von Sport aus der Öffentlichkeit habe erahnen lassen, „dass der Sport ins Private verbannt wird oder Leute ganz aufhören.“ Kombiniert mit der zunehmenden Digitalisierung brauche es nun einen „nationalen Bewegungspakt. Aber auch kreative Alltagslösungen“.



Kinderturnabzeichen (Foto: SWR)

Das Kinderturnabzeichen aus den 1970er Jahren für alle Kinder bis 14 Jahre. Anreize zur Aktivität schaffen – das Kinderturn- und Sportabzeichen reicht dafür nicht mehr






„Der Sport hat keine Lobby“

Nach dem Lockdown sind auch sportliche Start-up-Ideen gefragt. Warum nicht an Bushaltestellen die Entfernung zur nächsten Bushaltestelle anschreiben. Es gäbe, so Thiel, so viele ökologische Konzepte zum autonomen Fahren. Was vergessen wird sei, „wie wenig gefordert wird, dass die Leute zu Fuß gehen“. Im Gespräch mit SWR Sport berichtet Dr. Ansgar Thiel auch darüber, dass es bereits technische Entwicklungen gäbe, die über eine Art Laufband das Gehen am Schreibtisch im Büro während des Arbeitens ermöglichen. Es reiche aber nicht mehr, „kleine Brötchen zu backen“. Thiel und andere Wissenschaftler fordern einen „großen nationalen Pakt Sport und Bewegung“, der notwendig sei – angestoßen von der Politik, ähnlich einem Klimapakt. Dafür habe der Sport aber aktuell keine Lobby.

Die Rolle des Sports in den KOalitionsverhandlungen

Von einem Sportministerium auf Bundesebene kann auch Thiel bisher nur träumen. In den 22 Arbeitsgruppen der aktuellen Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung steht der Sport in AG16: „Innere Sicherheit, Bürgerrechte, Sport“. Ob das reicht?

Eine erste Erwartung an die neue Koalition sei, „das Recht auf Sport und Bewegung zu einem verfassungsmäßigen Recht zu machen“. In einigen Landesverfassungen gebe es das schon. „Wir haben Gesellschaftsprobleme, die wie eine riesengroße Lawine auf uns zukommen, wie die demografische Alterung unserer Gesellschaft“. Das sei im Wahlkampf unter den Tisch gefallen, aber „das wird uns massiv erwischen“, so Thiel – „die Babyboomer sind so viele, dass die Alterung der Gesellschaft massive Herausforderungen für die Politik erzeugen wird“. Dabei sei Sport und Bewegung auch künftig das kostengünstigste und effektivste Medium, um Menschen gesund zu erhalten und um Menschen zu befähigen, anderen Menschen zu helfen.“ Zusammengefasst: Gelingen kann der ganz große Wurf nur von oben nach unten. Von der Bundes- zur Landespolitik, in die Komunen, die Schulen, in den Alltag, auf die Straße.



#bewegtEuch Ansgar Thiel, Michael Antwerpes, Lisa federle, Jan Josef Liefers (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Bernd Weissbrod)

Prof. Ansgar Thiel, Michael Antwerpes, Dr. Lisa Federle, Jan Josef Liefers (von li.) bei der Vorstellung der Aktion #bewegtEuch






picture alliance / Bernd Weissbrod


Bei den Heranwachsenden sieht Thiel, einer der Initiatoren der Tübinger Aktion #bewegtEuch, die Schulen gefordert. Sein Ansatz: Vermittlung von Wissen und Kompetenz, Sport gesundheitsförderlich betreiben zu können müsse viel mehr Beachtung finden. Nicht nur im Sportunterricht. Die Vielfalt der Unterrichtsfächer gibt das her.
Schule soll Schüler fit fürs Leben machen. „Jedes Kind soll in der Lage sein, selbst herauszufinden, welche Bewegung ist gut für mich und warum? Was macht mir Spaß? Was muss ich tun, um mich gut zu fühlen, gesund zu fühlen?“ Eine Prüfung, ob schriftlich oder mündlich, kann zu einer Art Wettkampf werden: „Wie muss ich mich bewegen, um bei der Klassenarbeit konzentrierter zu sein?“ Lernen mit Frust und Misserfolgen umzugehen: „Was kann ich tun, wenn ich beispielsweise Ärger habe zuhause? Oder wenn ich Stress habe mit Freunden, wie kann ich mich praktisch trainieren?“ Dazu gehöre auch „Wissen darüber, wie mein Körper physiologisch funktioniert, […] man kann für hier Physik beispielsweise verbinden mit Sport. Man kann Biologie mit Sport verbinden, man kann sogar Mathe mit Sport verbinden“. Dann, so Thiel „wäre Schule grundsätzlich gerade durch die Einbeziehung dieses Fachs vielmehr praxisorientiert und vielmehr tatsächlich auf einen Nutzen für die Gesellschaft fokussiert, als es jetzt im Moment der Fall ist.



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