Leben

Dresden: Aus dem Leben gefallen


Dresden. Der Schreibtisch ist einer Piratenburg gewichen. Die reicht bis zum Stuck unter der Decke. Heike Herzog steht vor der Konstruktion aus Holz und muss lachen: „Wir haben letztens dort oben Mau-Mau gespielt – zu fünft!“ Sie mit ihren Eltern, ihrem neuen Lebenspartner und dessen Sohn.

Der Achtjährige ist ein Teil von dem, was die Buchautorin meint, wenn sie sagt: „Mein Schlaganfall hat vieles verändert. Manches zum Positiven.“ Er ist auch der Grund, weshalb der Tisch, an dem die 53-Jährige über die schwerste Zeit ihres Lebens schrieb, einen neuen Platz bekommen hat. Dass dieses Hochbett mit all den Fächern für Spielsachen und Piratenzierrat jetzt an dieser Stelle steht, wirkt wie ein Sinnbild für all die Dinge, Erfahrungen, Sichtweisen und Beziehungen, die sich im Laufe der vergangenen fünf Jahre für Heike Herzog neu sortiert haben. Einiges hat sie auch aussortiert.

Blutgerinnsel im Kopf

Die Zeitrechnung nach der Zäsur beginnt an einem ganz normalen Herbstmorgen. „Ich hatte meine Töchter schon geweckt und tat, was man am Tagesbeginn eben so erledigt“, erzählt sie. Völlig ohne Vorwarnung bricht Heike Herzog im Flur ihrer Wohnung zusammen. Sie sieht sich förmlich fallen, kann es nicht aufhalten, vermag nicht zu rufen oder sich zu bewegen. „Dann habe ich meinen seltsam verdrehten rechten Arm und das rechte Bein gesehen.“ In diesem Moment durchfährt Heike Herzog ein Gefühl, das sie fortan über Monate begleiten wird und mit dem sie bis heute ringt: Angst. „Ich habe begriffen, dass etwas ganz Schreckliches mit mir passiert und war voller Panik.“

Ihre ältere Tochter Lotte, damals 14 Jahre alt, findet sie im Korridor, ruft die Großeltern, die Notfallretter kommen. Ein kühler Wind im Gesicht zeigt Heike Herzog an, dass man sie fortbringt, gefangen in sich ohne Chance auf Erklärung.

Heute weiß sie: Ein Blutgerinnsel hat ein Gefäß in ihrem Kopf verstopft. Woher es kam, ist nicht ganz klar. Eine Thrombose im Bein halten die Mediziner für eine mögliche Ursache, ebenso wie eine Anomalie am Herzen. Zu wissen, warum dieser Schlag Heike Herzogs Welt von einem Augenblick zum nächsten anhielt, ist die eine Seite. Die andere: Geschieht so etwas wieder? Heute? Nächstes Jahr? In der nächsten Sekunde?

Mutter werden per Anruf

Wenn Heike Herzog von ihrer Erfahrung mit dem Hirnschlag erzählt, ist eins der meistgenannten Worte die Angst. Angefüllt damit hat sie ihren Zusammenbruch erlebt und die nächsten Tage in der Klinik, die Wochen in der Rehabilitation, die Jahre des Kampfes zurück in ihr Leben.

Das hatte sich so gut angefühlt. Dunkle Stunden kennt die gebürtige Görlitzerin genug. Als Halbwüchsige war sie mit ihrer Mutter nach Radebeul gezogen, hatte dann Lehramt studiert und begeistert als Grundschullehrerin gearbeitet. Viel Verzweiflung und Trauer brachte ihr die Erfahrung, kein Kind bekommen zu können und mehrere erfolglose Kinderwunschbehandlungen verkraften zu müssen. „Mein damaliger Mann und ich entschieden uns schließlich für eine Adoption, und dann ging alles viel schneller als gedacht“, erinnert sie sich.

Ausgerechnet an seinem Geburtstag klingelte das Telefon. Doch es war kein Gratulant am anderen Ende der Leitung, als Heike Herzog mit von Kuchenteig verschmierten Händen den Hörer griff. Die Vermittlerin des Jugendamtes teilte ihr mit, dass ein knapp zweijähriges Mädchen namens Lotte ihre Tochter werden könnte. „Wir waren so überglücklich! Wenn ich an diesen Moment denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut.“ Freunde und Bekannte trugen übers Wochenende alles zusammen, was ein Haushalt mit Kleinkind braucht, und bald darauf begann das ersehnte Leben als Familie.

Als Trainerin in Höchstform

Die wurde schon 15 Monate später noch größer. „Wir hatten die Hoffnung auf ein leibliches Kind ja aufgegeben, aber ich wurde doch schwanger.“ Spricht Heike Herzog über jene Jahre mit ihren beiden Töchtern, klingt aus ihren Worten die vollkommene Erfüllung, uneingeschränktes Glück.

Ihren Beruf als Lehrerin hatte sie unterdessen aufgegeben, war als Fitnesstrainerin in Studios und Hotels gefragt und leitete zwischenzeitlich die Boutique ihrer Schwiegereltern. Insgesamt vier Jahre blieb sie mit den Kindern zu Hause. „Ich wollte diese Zeit unbedingt auskosten.“ Dann bekam sie das Angebot, in einer Kita ihres Viertels als Erzieherin zu arbeiten.

An jenem 27. Oktober 2016 wäre sie dort für die Kinder da gewesen. Doch der Tag endete 6 Uhr morgens auf dem Flurboden. Es war das Ende ihres bisherigen Lebens, von dem sie das Liebste und Wichtigste mit ins neue nahm und anderes auf diesem Weg zurückließ. Die Beziehung zu ihrem Mann ist nicht das Einzige.

Auch die Angst hat sie zurückgelassen – so weit es möglich ist. Die tiefe Furcht davor, erneut diese Ohnmacht und Todesbedrohung zu erleiden, ist schwer zu beherrschen. Ohne ihren starken Willen und gute Therapeuten hätte sie es nicht geschafft. „Wenn man seine Genesung nicht selbst in die Hand nimmt, hat man deutlich schlechtere Karten.“ Davon ist sie überzeugt.

Buchstaben-Chaos im Kopf

Zwar bekam Heike Herzog alle nötigen Behandlungen und Therapien in der Klinik und später im Rehazentrum. „Aber zu aller erst hätte ich jemanden gebraucht, der mir hilft, mit meiner Panik umzugehen.“ Eine psychosoziale Betreuung habe es in der Erstversorgung nicht gegeben. „Ich wünsche allen, die es brauchen, dass künftig ein solches Angebot gemacht wird.“ Solange die Angst außer Rand und Band sei, fruchten auch andere Therapien nur halb so gut.

Heike Herzog konnte zunächst ihre rechte Körperhälfte nicht spüren und benutzen, nicht schlucken, nicht gut sehen und nicht sprechen. In der Rehabilitationskur ließ sie sich ihr Laptop bringen und begann bald, Tagesberichte für ihre Familie zu schreiben. „Das ging nur per Worterkennungsprogramm, denn noch herrschte Buchstaben-Chaos im Kopf.“

Aus diesem Tagebuch ist Heike Herzogs Autobiografie „Denn nach einem Schlaganfall ist nichts mehr wie es war“ entstanden. Darin schildert sie ihr Leben, mit dem, was es einst ausmachte, was es ihr durch die Krankheit versagte und was sie ihm trotzdem abgerungen hat. An acht Verlage schickte sie ihr Manuskript und bekam acht Zusagen zurück. Schließlich entschied sie sich für den Engelsdorfer Verlag in Leipzig.

Im Sommer 2020 lud sie erste Gäste zur Lesung in ihren Garten ein. Inzwischen stellt die Autorin ihre Geschichte in Rehazentren und Kliniken vor und bietet eine Plattform für den Gedankenaustausch mit Betroffenen und ihren Angehörigen. Anlässlich des Weltschlaganfalltages am 29. Oktober, 18 Uhr, wird Heike Herzog in der Gut Leben gGmbH auf der Windbergstraße 2 in Bannewitz lesen.

Eine Zuhörerin machte ihr unlängst bewusst, was sie geschafft hat und anderen zu geben vermag. Am Rande einer Lesung sagte sie zu Heike Herzog: „Sie haben zu einer Zeit ein Buch geschrieben, in der Sie überhaupt keine Beziehung zu Buchstaben hatten – und heute lesen sie uns daraus vor.“



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