Reisen

Rote Rakete – Machen: Ausflüge, Fitness und Reisen


Ja, die 504 lächelt heute. Ihre Tennisball-großen, runden Funzel-Scheinwerfer sind die Augen, der größere in der Mitte ist die Nase und darunter, dieser helle Bogen auf der Waggon-Front, das ist der lächelnde Mund dieser 40 Jahre alten Dame. Sie hat schon alles gesehen in Toronto und rollt dennoch tapfer überall dort, wo die Verkehrsbetriebsplaner sie täglich einsetzen: Heute auf der Linie 504, einer Ost-West-Verbindung durch die City und in diesem Moment an die Haltestelle auf der King Street East. Die vierteilige Falttür vorn öffnet klappernd.

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„Helloooo, good moooorning and welcome on board“, begrüßt Fahrer Curt Richards jeden, der neu zusteigt. Und strahlt dabei mit seinem makellosen weißen Gebiss, als liefe die Kamera für einen Zahnpasta-Spot. Wer keine Monats- oder Tageskarte vorzeigt, dem verkauft Richards einen Einzelfahrschein, den er vom Brett abreißt. Touchpads für Kreditkarten oder Münz-Automaten? Gibt’s nicht in diesem Straßenbahn-Veteranen.

Curt Richards liebt die Musik und seine Rote Rakete. © Stephan Brünjes

Ebenso wenig wie das Schild über der Frontscheibe, dass man den Fahrer nicht ansprechen darf, während die Bahn rollt. Muss heute in der 504 auch keiner, denn Curt Richards plaudert von selbst mit seinen Fahrgästen. Zuerst über die auf der Frontscheibe ächzenden Scheibenwischer, das Schmuddelwetter und darüber, dass jeder trotzdem gute Laune behalten soll. So wie der 59-Jährige, der vor mehr als zehn Jahren vom TV-Moderator eines Lokalsenders zum Tram-Fahrer umschulte. „Ich steuere am liebsten diese alten Bahnen“, sagt er. „Die neuen haben Fahrerkabinen, da fühle ich mich eingesperrt – ich brauche Kontakt zu den Leuten.“ Dass er ihn weiter haben kann, verdankt Curt der Firma Bombardier. „Bei diesem kanadischen Hersteller haben unsere Verkehrsbetriebe etliche neue Bahnen bestellt, aber Bombardier hat Lieferprobleme“, erzählt Curt grinsend. „Darum müssen gut 70 alte Bahnen noch ein paar Jahre durchhalten.“ Sehr zur Freude vieler Torontonians, denn die kirschroten Oldie-Trams gehören zum Inventar der Stadt, haben schon ewig den Spitznamen Red Rocket und prangen auf T-Shirts, Postkarten, Hauswand-Graffiti oder Kaffeetassen.

Die Waggons sind Schweizer Wertarbeit und rollen zuverlässig wie Uhrwerke durch Toronto zwischen glitzernden Stahl- und Glaspalästen von Banken und Versicherungen. Sie rumpeln die hippe Queen Street West entlang, vorbei an

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Upcycling-Läden, Galerien und Designer-Schuhgeschäften. Ob in Chinatown, Little Italy oder dem Polenviertel – eine Rote Rakete ist immer startklar. Es sei denn, sie muss kurz stoppen, so wie die von Curt Richards vor einer Kreuzung.

Der Fahrer schnappt sich einen etwa hüfthohen, olivgrünen Metallknüppel neben der Tür und springt auf die Gleise. Darin fuhrwerkt er mit dem Brecheisen kurz herum und kommt zurück. „Handbetrieb“, sagt er beim Losfahren und wartet ab, bis alle Nicht-Einheimischen geschaltet haben: Moment, der Fahrer hat da gerade eine Weiche so hingebogen, dass die Bahn um die Kurve fahren kann? „Ja, es ist genau so, wie du denkst“, sagt Curt, „bei manchen Weichen fällt die Fernsteuerung aus, dann hängt im Kabel ein Schild, dass ich rausmuss.“

Schon hat der Mann in akkurater, taubenblauer Uniform mit perfekt sitzender Krawatte seine Finger wieder auf dem abgewetzten Armaturenbrett und steuert die Bahn, indem er verschiedene Tasten drückt. Rote setzen die Rakete in Bewegung oder stoppen sie, grüne öffnen und schließen die Türen, gelbe knipsen die Lichter an. Fast wie an der Modelleisenbahn in Kindertagen. Jetzt drückt Curt eine der weißen Tasten, und es erklingt das „Ding-Ding-Ding“, mit dem Straßenbahnen früher warnend um die Ecke kamen, meist untermalt vom ohrenbetäubenden Gequietsche der Metallräder in den Schienen, das auch die Red Rocket von sich gibt. Curt zeigt auf ein von der Sonne ausgebleichtes Anzeigefeld in seinem Armaturenbrett: „Da sehe ich, dass die Räder durchdrehen, meine Bahn quietscht, weil sie die leichte Steigung nicht hochkommt. Darum muss ich sofort Sand auf die Schiene streuen, um den Rädern so Griffigkeit zu geben.“

Ob er jetzt wieder rausmuss? Nein, ein paarmal auf einen roten Knopf drücken reicht. „Du hockst übrigens auf dem Sand“, sagt Curt, strahlt und klappt an der nächsten Haltestelle kurz den vordersten rechten Sitz hoch. Tatsächlich, darunter ist eine Mini-Sandkiste. „Oh, muss ich an der Endhaltestelle mal wieder was reinschippen“, meint Curt. Auch auf diese Knochenarbeit scheint sich der Einwanderer aus Jamaika zu freuen.

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Vier bis fünf Touren muss er pro Arbeitstag fahren, seit Jahren oft dieselben Strecken. Wird ihm dabei auch mal langweilig? „Nie“, antwortet er ohne Zögern, „Straßenbahnfahren ist für mich wie Theater.“ Wer Curt kennt, bittet ihn schon mal, die nächste Haltestellen-Ansage zu singen. „Spaaaadeiiiiiinahhhhh!“ schmettert er dann etwa an der Spadina Avenue durch den Waggon. Das hat der passionierte Gospelsänger, Akkordeonspieler und Gitarrist anfangs an jeder Haltestelle gemacht und erst aufgehört, als automatisierte Ansagen eingeführt wurden. Vor gut zehn Jahren sei das gewesen. Curt erinnert sich wahrscheinlich deshalb so genau, weil damals diese hübsche, asiatisch aussehende Frau in seine Bahn stieg. Beim Aussteigen sprach Curt die Frau an, und es gelang dem Charmeur, ihr im Vorbeigehen seine Telefonnummer mitzugeben. Doch die gebürtige Thailänderin meldete sich zunächst nicht. Dann, nach einer Woche des Wartens, klingelte Curts Telefon. „Sie hat tatsächlich angerufen. Ich traf mich mit ihr, einen Monat später waren wir verlobt, neun Monate später verheiratet“, erzählt er und strahlt sein breitestes Lächeln.

Toronto

Anreise Von Frankfurt nach Toronto mit United Airlines (www.united.com)

Unterkunft „Fairmont Royal York“, außen klotzig, innen plüschig, das Grandhotel von 1929 ist oft New-York-Filmdouble und Stammhaus der Queen. www.fairmont.com/royal-york-toronto/, DZ/F ab 187 Euro. Das „Chelsea“ bietet gutes Frühstück und Sylvia aus Düsseldorf kümmert sich um deutsche Gäste. www.chelseatoronto.com, DZ/F ab 122 Euro.

Essen und Trinken Der Pub „The Queen and Beaver“ hat eine luftige Dachterrasse inmitten gläserner Bankentürme. Leckere Snacks und Ontario-Lamm für größeren Hunger, www.queenandbeaverpub.ca. „BLÜ“ ist ein exzellenter Italiener: raffinierte Salate, saftige Steaks und Pasta. www.bluristorante.com.

Allgemeine Informationen www.seetorontonow.com; www.ttc.ca



Quelle

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